Digitalkritikern auf der Spur

Ja, es gibt sie, die Menschen, die digitalem Lernen gegenüber äußerst kritisch eingestellt sind. Und jeder, der sich mit dem Thema befasst, ist ihnen schon einmal begegnet. Aber welche Argumente führen sie ins Feld? Und lassen sich diese Argumente entkräften?

Wer sich mit digitalem Lernen befasst merkt schnell, dass sich nicht alle Menschen  für dieses Thema begeistern können. Es gibt auch deutliche Gegenstimmen. Und selbstverständlich ist Kritik angebracht – es ist nicht alles toll, was digital ist, und es lässt sich auch nicht jedes Bildungsproblem mit Digitalisierung lösen, wie das auch für alle anderen Lebensbereiche gilt. Doch manche Kritik dürfte in der Rückschau auch Erstaunen auslösen, wie zahlreiche Parallelen in historischen Entwicklungsprozessen zeigen. Schaut man einmal in die Geschichte, dann wurden gesellschaftliche Umwälzungen immer von skeptischen Stimmen begleitet – man denke z.B. an die legendäre Eisenbahnkrankheit, die bei der Einführung der ersten Personenzüge heraufbeschworen wurde.  Ein paar „klassische“ Gegenargumente haben wir hier einmal zusammengetragen und geschaut, an welchen Argumenten etwas dran ist und was sich leicht entkräften lässt.

Das schadet doch mehr als es nützt!

Viel vor dem Bildschirm zu sitzen und dann noch zusätzlich am Computer zu lernen schadet in diesen Argumentationen wahlweise der Gesundheit, der Aufmerksamkeit oder der sozialen Kompetenz. Natürlich, wer den ganzen Tag in gebeugter Haltung bei Zwielicht alleine in seinem Zimmer sitzt und sich ausschließlich mit digitalen Inhalten befasst, die noch dazu zweifelhafter Herkunft sind, der hat gute Chancen, davon auch irgendwann einen Schaden davon zu tragen. Das Gleiche gilt aber auch für Süßigkeiten im Übermaß, Fernsehkonsum oder die falschen Freunde. Wer so argumentiert, sieht das Digitale als alleinigen Ersatz für Sport- und Kulturangebote, das Lesen oder den Ausflug mit Freunden. Aber auch der Sportverein kann für ein Kind zum Horror werden, wenn es z.B. in der eigenen Mannschaft gemobbt wird. Es geht also nicht um ein Entweder-Oder, sondern um eine bewusste und reflektierte Nutzung.

Für Jugendliche ist eine klare Trennung zwischen analoger und digitaler Welt auch nicht wichtig. Für sie schließt es sich nicht aus, gleichzeitig in der „realen“ Welt unterwegs zu sein und in der „digitalen“. Ein schönes Beispiel dafür ist das Spiel Pokémon Go, das vor einiger Zeit einen regelrechten Hype ausgelöst hat. Mit Hilfe des Smartphones „jagten“ Kinder Pokémonfiguren in der realen Welt. Dazu mussten sie zu Fuß längere Entfernungen zurücklegen, lernten ihre Umgebung so noch einmal auf eine ganz andere Weise kennen und taten das oft gemeinsam mit Freunden.

Wir kommen auch gut ohne klar!

Wirklich? Laut JIM-Studie nutzen Jugendliche ab 14 Jahren fast 6 Stunden täglich das Internet. Fast alle haben ein Smartphone. Da bleibt außen vor, wer sich der digitalen Welt verschließt. Vor diesem Hintergrund ist das Argument, dass man auf das Internet und die digitale Welt verzichten kann, sogar fahrlässig. Wenn Kinder und Jugendliche in eine digitale Welt hineingeboren werden, aber nicht frühzeitig lernen, gut damit umzugehen, dann sind Schwierigkeiten vorprogrammiert!

Es drängt sich also der Gedanke auf, dass bei diesem Gegenargument eher der Wunsch im Vordergrund steht, sich nicht mit dem Neuen befassen zu müssen, vielleicht auch die Sorge, das alles nicht zu verstehen. Das ist menschlich und nachvollziehbar, aber auch unbegründet. Wer sich die wichtigsten Mechanismen angeeignet hat, merkt schnell, dass PC-Programme und Apps recht intuitiv zu bedienen sind und das Handling auch nicht so viel anders ist als man das von anderen technischen Geräten kennt, die man sich neu anschafft. Fakt ist aber, dass das Digitale nicht verschwinden, sondern eher mehr werden wird. Wer heute noch „ohne“ klar kommt, kann morgen schon deutliche Schwierigkeiten haben. Das Es-geht-auch-ohne-Argument hilft deshalb wenig weiter.

 Anschaffung und Support sind einfach zu teuer!

Ja, da ist tatsächlich etwas dran, vor allem, wenn Bildungseinrichtungen vollständig neu ausgestattet werden müssen – was in Deutschland vielerorts der Fall ist. Geld wird also definitiv benötigt, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Es wäre wünschenswert, wenn hier von politischer Seite dauerhaft für die erforderlichen Mittel und die benötigte IT-Unterstützung gesorgt werden würde. Dabei reden wir sowohl über einmalige Investitionen als auch regelmäßige Kosten. So muss z.B. der schnelle Internetanschluss einmal eingerichtet, aber der Datentransfer dauerhaft bezahlt werden. Wie sich ansonsten die Finanzierung gestalten kann, hängt auch von den Konzepten der Schule ab, ob z.B. Einzelgeräte angeschafft werden oder ob mit einem BYOD-Ansatz gearbeitet wird.

Hier stellen sich natürlich anspruchsvolle Fragen für die Gestaltung der Schul-IT-Infrastruktur. Deshalb aber gar nichts zu tun, wäre systemisch der völlig falsche Ansatz. Nicht zuletzt ist das Kostenargument auch individuell ein recht bequemes, weil es einem erlaubt, sich gar nicht mit dem Thema befassen zu müssen. Ohne hier die Verantwortlichen auf bildungspolitischer Ebene aus ihrer Pflicht zu entlassen, kann man sagen: Es funktioniert auch in Eigeninitiative! Viele Schulen haben sich schon auf den Weg gemacht und eigene Konzepte umgesetzt. Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.

Ich sag nur: Cybermobbing!

Cybermobbing ist tatsächlich eine besonders perfide Art des Mobbings, weil beleidigende Aussagen mit wenig Aufwand schnell sehr hohe Reichweiten erzielen. Sind Bilder oder Videos einmal im Netz, kann man sie nicht mehr zurückholen und ihren Weg auch nicht mehr steuern. Und da das Internet nichts vergisst, ist das für Opfer besonders fatal, weil sie kaum eine Chance haben, dem zu entkommen.  Deshalb aber die Nutzung von Smartphones und Internet in der Schule komplett zu verbieten, ist gerade bei diesem Thema keine sinnvolle Lösung.

Spätestens wenn die Kids den Schulhof verlassen, wird auch das Handy wieder angeschaltet. Und die Kontakte untereinander hören nach der Unterrichtszeit nicht auf. Gerade deshalb muss Cybermobbing in den Schulen unbedingt aktiv behandelt werden. Hier geht es um basale Medienkompetenz im digitalen Zeitalter. Idealerweise greifen die Bemühungen der Lehrenden und die der Eltern ineinander. Viele Schulen haben hier bereits Konzepte entwickelt und tun viel, um das Problem gar nicht erst entstehen zu lassen, aber auch um sofort reagieren zu können, wenn ein solcher Fall auftaucht. Hilfe und Infos zu diesem Thema gibt es z.B. beim Bildungsserver.

Das ist doch keine Bildung mehr, die bekommen die Zusammenhänge gar nicht mit!

Auch ein beliebtes Argument: Die Eigenart digitalen Lernens, z.B. kurze Videos, anstelle von Bücher etc. zu nutzen, führt dazu, dass die Kinder die Zusammenhänge gar nicht mehr begreifen und sich auch nicht mehr auf längere Texte konzentrieren können. Dem liegt die These zu Grunde, dass bedeutungsvolles Lernen nur auf lineare Art und Weise möglich ist.

Das stimmt aber nicht, denn jeder Lernende begegnet dem Lernstoff mit seiner ganz eigenen Repräsentation der Welt und mit seinem ganz eigenen Vorwissen. In einem längeren Text kann es Passagen geben, die er bereits kennt, andere sind hingegen neu. Für seinen Sitznachbarn sieht das vielleicht schon ganz anders aus. Jeder Text repräsentiert erst einmal nur die Sichtweise des Verfassers – innerhalb gewisser objektivierbarer Parameter. Und das Problem gibt es nicht erst im digitalen Zeitalter. Wie oft haben wir selbst in der Schulstunde gesessen und nicht verstanden, warum wir jetzt dieses oder jenes lernen mussten? Uns fehlte der Zusammenhang. Wenn ich in kleineren Lerneinheiten denke, die sich noch dazu flexibel kombinieren lassen, dann kann daraus auch ein übergreifender Sinnzusammenhang hergestellt werden. Und damit Bedeutung. Der prominenteste Vertreter des „Digitale Medien machen Dumm“-Spektrums ist wohl Manfred Spitzer. Mit seinem Buch „Digitale Demenz“ hat er eine hitzige Debatte losgetreten, die sich jedoch schnell in Rede und Gegenrede spaltete. Auch hier gilt: Die Mischung macht´s! Grautöne sind lebensnäher als Schwarz-Weiß-Szenarien. In Extremen zu denken und zu argumentieren, ist nicht hilfreich.

Fazit

Es zeigt sich: Viele kritische Argumente lassen sich gut entkräften, wenn man genauer hinschaut. Manche haben ihre Berechtigung und verdienen es, genauer betrachtet zu werden. Doch auch dann kann es nicht darum gehen, in Entweder-Oder-Kategorien zu agieren. Denn was auf jeden Fall bleibt, ist die Tatsache, dass unsere heutige Welt digital ist und funktioniert. Deshalb ist es gut und nötig, sich konkret mit der Frage zu befassen, wie man digitales Lernen sinnvoll in der Schule einsetzen kann und wo seine Grenzen (wirklich) liegen sollten, anstatt sich hinter einer kategorisch ablehnenden Haltung zu verstecken.



Kommentare

  1. / von Beat Rüedi

    „Laut JIM-Studie nutzen Jugendliche ab 14 Jahren fast 6 Stunden täglich das Internet. Fast alle haben ein Smartphone. Da bleibt außen vor, wer sich der digitalen Welt verschließt. “ – aber da verschliesst sich doch niemand!

    1. / von Julia Hense
      zu

      Hallo Herr Rüedi, vielen Dank für Ihren Kommentar! Sie haben Recht, die Jugendlichen verschließen sich zumeist nicht – wohl aber noch viele andere. Die Skepsis allem Digitalen gegenüber ist meiner Erfahrung nach in Deutschland immer noch sehr hoch, gerade wenn wir über Bildung reden. Und sehr oft höre ich dann tatsächlich ein „Das brauchen wir doch gar nicht“. Herzliche Grüße, Julia Hense

    2. / von Julia Hense
      zu

      Hallo Herr Meyer, wunderbar, dann sind wir ja einer Meinung! Herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Digitale Medien ermöglichen das auf eine wunderbare Weise, wenn sie zielgerichtet eingesetzt werden und sich an den Lernständen und Bedürfnissen der Lernenden orientieren. Da finden Sie auch eine Fülle an Beispielen hier auf dem Blog. Herzliche Grüße, Julia Hense

  2. / von Harald Meyer

    Sehr geehrte Frau Hense,

    diese Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen, der scheinbaren Argumente gegen und für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht, wird dem Thema nicht gerecht. In Schule sollte es vor allem um den Wissens- und Kompetenzerwerb gehen, um Inhalten zum Lösen von Problemen zu suchen, auszuwerten, zu bewerten und „sinnvoll“ verknüpfen zu können. Das ist nichts Neues, die Medien haben sich aber verändert. Deshalb müssen sowohl die Unterrichtenden als auch die Schülerinnen und Schüler den Umgang mit den entsprechenden Medien erlernen, einüben und zielgerichtet Umsetzten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Harald Meyer

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