Edtech World Tour (4): Peru – ein Notebook macht noch keine Schule

One-Laptop-Per-Child (OLPC) ist eine gemeinnützige Initiative, die schon in mehr als 10 Ländern implementiert wurde, überwiegend in Lateinamerika (Kolumbien, Haiti, Peru, Uruguay, Paraguay). Gründer und Vorsitzender der Initiative ist der MIT-Professor Nicholas Negroponte, ebenso Gründer des MIT Media Labs. Die XO-Laptops (siehe Foto), die One-Laptop-Per-Child verwendet, werden auch “the 100$ Laptop” genannt, selbst wenn bis jetzt der Verkaufspreis immer noch bei etwa 180 US $ pro Stück liegt.

Peru war eines der ersten Länder, das das Programm landesweit einführte. Bereits 2007 entschied sich der damalige Bildungsminister, ein Pilotprojekt durchzuführen. Während der nächsten drei Jahre wurden 800.000 XO-Laptops gekauft, und dafür insgesamt mehr als 200 Millionen US $ ausgegeben. Heute sind mehr als eine Million Laptops ausgeteilt worden, etwa ein Laptop pro Kind in Peru.

Digitale Bildung braucht eine angemessene Infrastruktur

Kiko Mayorga, Mitgründer von escuelab.org, ein aktives Hackerspace in Lima, Peru, hat die Einführung der Initiative miterlebt und sieht das Ganze sehr kritisch.

Er sieht zwei strittige Punkte: Zuerst hätte bei einer solchen Ausgabe ein öffentlicher Wettbewerb stattfinden müssen, was hier nicht der Fall war. Das zweite Problem ist vertraut: Hunderttausende Laptops wurden ausgeteilt, ohne dass die Infrastruktur berücksichtigt wurde.

In ländlichen Regionen des Landes könne man Geräte in jeder Schule finden, vertaute uns Kiko an, diese lägen aber immer noch in ihren Verpackungen und wurden nie benutzt.

“It is easy and lucrative to buy the hardware. It is not easy to make it useful. This is a very expensive lesson that gets continually overseen in our context.”  *1

(Kiko Mayorga)

Weniger als 5 % der Schulen hatten damals einen Internetzugang, was für die OLPC NGO eine der fünf Bedingungen für den Erfolg der Initiative war. Lehrer wussten nicht einmal, was sie mit dem Laptop anfangen sollten, da sie nicht weitergebildet worden waren. Kiko hat versucht, für beide eine Lösung zu finden. Er hat mehrmals Workshops und Hackathons mitorganisiert, wo Lösungen für offline-Lernmaterialien als Alternative zu online-basiertem Material gesucht wurden. So hat er Startups wie ChaskiTech beraten, um eine kostengünstige Offline-Bibliothek bzw. -Datendank zu entwickeln, die den Schülern ermöglicht, auch ohne Internetzugang lokalen Zugang zu Lernmaterialien zu haben. Darüber hinaus hat er für Lehrer Workshops organisiert, um ihnen beizubringen, den Laptop zu bedienen. Trotzdem hatte das OLPC Programm in Peru nicht die erwartete Auswirkung auf Lernergebnisse wie eine Studie der Interamerican Development Bank herausfand. *2

Infrastruktur reicht nicht aus: der Lehrer muss im Zentrum stehen

Plan CEIBAL (Basic Informatic Educative Connectivity for Online Learning) ist die OLPC-Initiative der uruguayischen Regierung, die dort 2007 kurz vor Peru gestartet wurde. Die Regierung hat alle Kosten für 500.000 Laptops, einen pro Kind, übernommen.

Laptops ohne Internet bzw. Infrastruktur bringen nichts, das haben wir am Beispiel aus Peru gesehen. In Uruguay gibt es aber einen flächendeckenden Internetzugang. Nichtsdestotrotz passierte nach dem Verteilen der Laptops nichts. Der Unterricht verlief wie bisher, nichts änderte sich im Lernprozess und in den Lernergebnissen. Aus diesem Grund gab es eine internationale Ausschreibung, um eine Software-Lösung für Mathe und Spanisch zu finden. Bettermarks, ein deutsches Unternehmen, das das Mathelernen online einfach machen will, gewann diese Ausschreibung für das Fach Mathe.

Nachdem die Software von Bettermarks überall eingesetzt worden war, wurde eine mangelnde Lehrerausbildung festgestellt: “Lehrer wurden nicht ausreichend trainiert, obwohl ihre Weiterbildung im Zentrum einer solchen Umwandlung stehen müsste,”  teilte uns Nikolas Deskovic, MD International bei Bettermarks mit. *3

Es wurde dafür eine Lösung gefunden: 300 Lehrer erhielten eine spezielle intensiven Train-the-Trainer-Weiterbildung (insgesamt gibt es 20.000 Lehrer in Uruguay), damit sie die anderen Lehrer befähigen können, die Software und Laptops im Unterricht einzusetzen. Für Nikolas sind digitale Tools dann wertbringend, wenn der Lehrer sie steuert. Dieser kann dank Digitalisierung überprüfen, welcher Schüler aktiv ist, und das Lernen dann maßgeschneidert individualisieren. *4

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Die Edtech World Tour ist eine Forschungsreise zur Entdeckung innovativer digitaler Bildungspraktiken weltweit. Wir stellen uns besonders die Frage, welche Rolle digitale Bildung für mehr Chancengerechtigkeit und einen besseren Zugang zu Bildung haben kann. Dafür sind wir fünf Monate unterwegs und besuchen Schulen und Unis, treffen uns mit Unternehmern, Denkern und Innovatoren der digitalen Bildungswelt, um so viele Einblicke in “best practices” aus jedem Land zu bekommen. Wir sind in den USA, Chile, Neuseeland, Australien, Indien, Südkorea und Südafrika unterwegs.

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Quellen:

Foto: © Instagram @paraguayeduca

*1:  Mayorga, Kiko: telefonische Mitteilung vom 22.12.2015

*2:  Siehe Studie: http://idbdocs.iadb.org/wsdocs/getdocument.aspx?docnum=35370099 (auf spanisch, zuletzt aufgerufen am 28.12.2015)

*3:  Deskovic, Nikolas: telefonische Mitteilung vom 21.08.2015

*4:  ebd.



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