Die digitale Schule: Hohe Erwartungen und kein Sparmodell

Die Digitalisierung der Schulen ist nach wie vor Gegenstand vieler Forschungsprojekte und Studien. Dabei verschiebt sich der Fokus immer stärker von technisch-infrastrukturellen Aspekten hin zu Einstellungen, Kompetenzen, Nutzungs- und Anwendungskonzepten, sowie nicht zuletzt zur Frage der Finanzierung. Auch geraten nun zunehmend die Eltern in den Blick.

Ein jüngstes Beispiel hierfür ist die Eltern-Umfrage des „Netzwerks Digitale Bildung“, hinter dem das Unternehmen „SMART Technologies Deutschland“ steht – bekannter Hersteller der an vielen Schulen eingesetzten Smart-Boards. Dafür wurden 1.002 Eltern von Schulkindern befragt. Demnach halten es 84 % der Eltern in Deutschland für sehr wichtig oder wichtig, dass die Schule ihrer Kinder gut mit digitalen Medien ausgestattet ist. Mehr noch: Die Art und Weise, wie sich die Schulen in Sachen Digitale Bildung präsentieren, spielt für 42 % der befragten Eltern eine wesentliche Rolle bei der Schulwahl – dem gegenüber steht freilich ein ebenso großer Eltern-Anteil, für den dieses Kriterium keine Relevanz besitzt.

Ein dritter Punkt der Studie, bei dem das Studien-Ergebnis wiederum recht eindeutig ausfällt, ist die Frage, ob die Schulen die Kinder in Sachen „Digitalkompetenz“ ausreichend gut qualifizieren, um sowohl den Anforderungen der aktuellen Lebenswelt als auch des späteren Berufsleben gewachsen zu sein. Hier sehen die Eltern offenbar einen klaren Nachholbedarf: 51 % meinen, dass die Schulen hierbei „eher schlecht“ wegkommen, 32 % sagen, dass die Schulen ihre Sache „eher gut“ machen. Nur vergleichsweise wenige Eltern sind der Meinung, dass die Schulen „sehr schlecht“ (5 %) bzw. „sehr gut“ auf die Anwendung digitaler Medien in der Berufswelt vorbereiten.

Elternerwartung Digitale Bildung

Quelle: http://www.netzwerk-digitale-bildung.de/presse/presse-umfrage-finanzierung.html

Die Ergebnisse dieser Studie können als weiterer Beleg dafür gesehen werden, dass die Relevanz der digitalen Medien für das schulische Lernen mittlerweile kaum mehr in Frage gestellt wird. Allerdings gewinnt die Frage nach dem Erwerb von Medien- und IT-Kompetenz in der Schule – beispielhaft in der Diskussion um Informatik als Schulfach – weiter an Bedeutung.

Kurzum: In der Debatte um die Digitale Schule geht es immer weniger um das „Ob“ als um das „Wie“, einer durch die Virtualisierung veränderten Lernkultur und Organisation, sowie nicht zuletzt um deren Finanzierung und Governance.

Andreas Breiter, Björn Eric Stolpmann und Anja Zeising haben diese Aspekte in einer kürzlich erschienenen Studie der Bertelsmann Stiftung mit dem Titel „Szenarien lernförderlicher IT-Infrastrukturen in Schulen: Betriebskonzepte, Ressourcenbedarf und Handlungsempfehlungen“ in das Zentrum gerückt.

Nach ihrer Ansicht sind die digitalen Medien als didaktisches Lehr- und Lernmittel sowie als Unterrichtsgegenstand noch kein selbstverständlicher Bestandteil der schulischen Lern- und Lehrkultur. „Inzwischen“, so die Autoren, „nutzen die meisten Lehrkräfte den Computer und das Internet für die Unterrichtsvorbereitung. Die Mehrheit erachtet auch den schulischen Einsatz der digitalen Medien als sinnvoll. Dennoch setzt nur eine relativ kleine Gruppe die digitalen Medien selbstverständlich und regelmäßig im Unterricht ein. Aber selbst dann werden die Medien primär in einer Art und Weise verwendet, die bestehende Unterrichtspraxen unterstützt und bewahrt. Damit wird das Potenzial der digitalen Medien zur individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern derzeit kaum ausgeschöpft.“ (Breiter et al 2015, S. 5) Dies liege daran, so die Autoren weiter, dass die technische Ausstattung der Schulen, der Lehrkräfte und der Schülerinnen und Schüler zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine sinnvolle Nutzung im Unterricht darstelle.

Doch auch im Blick auf diese „notwendige Bedingung“ liegen die deutschen Schulen nach Aussage der Autoren im Vergleich zu Schulen in anderen westlichen Industrienationen deutlich zurück. „Das gilt für die Verfügbarkeit von interaktiven Whiteboards im Klassenraum über die Verbindungsmöglichkeiten zum Internet über ein lokales WLAN bis zur Nutzung mobiler Endgeräte. Die im Rahmen der ICILS-Studie erhobenen Daten weisen ein Schüler-Computer-Verhältnis in Deutschland (in Schulen, die eine Klasse 8 unterrichten) von 11,5 zu 1 aus (in Norwegen 2,4 zu 1 und in Australien 2,6 zu 1).“ (ebd.)

Ein solchermaßen einhelliges Meinungsbild auf Seiten der Forschung, der Schulen und der Eltern wirft natürlich die Frage auf, wie die als notwendig erachtete Ausstattung der Schulen organisatorisch und finanziell geleistet werden kann. Breiter, Stolpmann und Zeising betonen, dass man bereits seit langem wisse, dass „neben einer IT-Infrastruktur auch Prozesse zu ihrem dauerhaften Betrieb, v. a. für die Unterstützung der Nutzerinnen und Nutzer, unerlässlich sind. Die für Deutschland typische und in keinem anderen Land zu findende Trennung zwischen inneren und äußeren Schulangelegenheiten in einem föderalen Schulsystem macht es erforderlich, nicht nur die zentralstaatliche Ebene des jeweiligen Schulministeriums und die Einzelschule, sondern insbesondere die kommunalen Schulträger als Sachaufwandsträger zu berücksichtigen. Damit werden rechtliche Fragen von Lehr- und Lernmitteln und dem Konnexitätsprinzip adressiert und sie reichen bis hin in sozialpolitische Entscheidungen, wenn ein mobiles Endgerät durch Eltern finanziert werden müsste.“ (ebd.) Die folgende Abbildung aus der genannten Publikation bringt diese Dimensionen in eine Übersicht.

Medienintegration und Schulentwicklung

Quelle: Breiter et al 2015, S. 10

Dass die Digitalisierung der Schulen ein mehrdimensionales Thema ist, bei dem technische Infrastruktur und Geräte nur eine Komponente sind, steht sogar für den SMART-Deutschland Geschäftsführer Josef Blank außer Frage: „Schulen“, so Blank, „brauchen mehr Planungssicherheit. Digitale Bildung muss im Ganzen gedacht sein und neben der technischen Ausstattung auch Support, Content und Fortbildung der Lehrkräfte umfassen. In Deutschland fehlt häufig das Verständnis, dass diese Themen neben der Ausstattung genauso entscheidend für den Erfolg digitaler Bildung sind und deshalb fester Bestandteil von Finanzierungskonzepten sein müssen.“

Mit welchen Kosten freilich für ein solch ganzheitliches Finanzierungskonzept zu rechnen wäre, kann derzeit niemand genau beziffern. Breiter et al wagen aber immerhin eine erste Schätzung im Hinblick auf die technische Ausstattung. Für die Ausstattung der Sekundarschulen mit Endgeräten wurden in ihrer Studie – ausgehend von OECD-Empfehlungen – zwei Szenarien ausgearbeitet:

Im ersten Szenario wird eine Schüler-Computer-Relation von 5:1 umgesetzt. Eine Schule verfügt demnach über einen Gerätepool (Computerräume mit stationären Desktop-PCs sowie Notebook-Klassensätze oder Tablet-Klassensätze), sodass bei Bedarf allen Schülerinnen und Schülern einer Lerngruppe ein Endgerät zur Verfügung steht. Die jährlichen Kosten für dieses Szenario bewegen sind zwischen 95,62 und 182,29 Euro pro Schüler. Hochgerechnet auf eine Beispielschule mit 750 Schülern wäre also mit Kosten in Höhe von 71.715 Euro bis 136.717 Euro p.a. zu rechnen. Hochgerechnet auf ganz Deutschland entständen für dieses Szenario Kosten in Höhe von 538 Mio. bis 1,03 Mrd. Euro p.a.

Im zweiten Szenario verfügen alle Schülerinnen und Schüler über ein individuelles Endgerät (also eine 1:1-Ausstattung mit Notebooks oder Tablets). Die jährlichen Kosten für dieses Szenario bewegen sich dann zwischen 322,96 und 464,83 Euro pro Schüler. Hochgerechnet auf eine Beispielschule mit 750 Schülern entstehen Kosten in Höhe von 242.220 bis 349.087 Euro p.a. Bezogen auf ganz Deutschland entständen für dieses Szenario jährlich Kosten in Höhe von 1,82 Mrd. bis 2,62 Mrd. Euro.

Gut investiertes Geld? Wahrscheinlich nur dann, wenn daneben auch noch ausreichende Mittel für die Qualifizierung der Lehrkräfte übrig bleiben. Dies zu berechnen, wäre sicherlich ein spannendes Thema für ein kommendes Forschungsprojekt.



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