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Perfektes Paar: Wie Traumkandidat und Traumjob zusammenfinden

Was wäre, wenn man mit wenig Aufwand die Persönlichkeit eines Menschen so erfassen konnte, dass sich beruflicher Erfolg vorhersagen ließe? Knack, ein Start-up aus dem Silicon Valley, versucht genau das, indem es Bewerber mit Computerspielen namens Dungeon Scrawl oder Wasabi Waiter herausfordert. So sollen binnen kurzer Zeit Ausdauer, Kreativität, Auffassungsgabe oder Entscheidungsfähigkeit einer Person erkannt und die Eignung für eine bestimmte Aufgabe geprüft werden. „Wir wollen das menschliche Talent der Welt organisieren, so wie Google die Informationen der Welt“, sagt Knack-Gründer Guy Halfteck.

Knacks Software-Algorithmen ermitteln aus dem Stellenprofil und den Erfahrungen mit bisherigen Mitarbeitern im Unternehmen, welche Fähigkeiten nötig sind, um in einem Job erfolgreich zu sein. Diese werden mit den Daten verglichen, die ein Bewerber beim Spiel produziert. Ständig muss er dort Entscheidungen treffen, anhand derer das Programm seine Persönlichkeit analysiert. Zeugnisse oder Abschlussnoten spielen dabei keine Rolle. Stattdessen genügen für ein aussagekräftiges Psychogramm laut Halfteck schon zwanzig Minuten Spielzeit.

Software wie die von Knack wird die Bildungs- und Arbeitswelt grundlegend verändern. Wenn Computerprogramme aus hundert Bewerbern die zehn aussichtsreichsten herausfiltern, können Unternehmen ohne großen Aufwand potenzielle Leistungsträger identifizieren, die von den konventionellen Methoden der Personalrekrutierung nicht notwendigerweise erkannt werden. So eröffnen sich auch Chancen für diejenigen, die bislang wenige hatten. Wem die finanziellen Mittel fehlten, um eine renommierte Universität zu besuchen, oder die nötigen Kontakte, um an einen guten Job zu kommen, der erhält jetzt Zugang zu bisher verschlossenen Zirkeln.

Es wächst aber auch die Unsicherheit. Gerade für diejenigen, die den traditionellen Bildungsweg gehen, hat die Vorhersagekraft der Algorithmen etwas Bedrohliches. Für das Bildungsbürgertum wirft sie alte Gewissheiten über den Haufen: Eine halbe Stunde Computerspielen wird plötzlich für die berufliche Karriere wichtiger als die bisherige Lebensleistung, als all die Jahre an Schule und Universität, als hunderte geschriebene Klausuren und hart erarbeitete Abschlüsse und Titel.

Bildung ist mehr, als sich per Onlinequiz überprüfen lässt. Bildung ist auch viel mehr als Abschlüsse und Fähigkeiten, die man auf Jobs matchen kann. Dennoch: Die Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben, soziale Anerkennung und gesellschaftlichen Aufstieg. Digitale Technologien können dazu beitragen, den Zugang zum Arbeitsmarkt offener und fairer zu gestalten. Sie können eine größere Bandbreite an Wissen und persönlichen Kompetenzen erfassen, egal ob diese auf dem Campus, in der Firma oder im Netz erworben wurden. Je vielfältiger die Wege zu Wissen und Bildung werden, desto stärker sind die bisherigen Maßstäbe der Zertifizierung zu hinterfragen.

Neue Initiativen wie Degreed lösen sich von den starren Standards des etablierten Bildungssystems. Sie nutzen die Digitalisierung, um lebenslanges Lernen abzubilden. Neben den üblichen Hochschul- und Berufsabschlüssen erfassen sie den Wissenszuwachs eines Menschen und liefern ein ständiges Update seiner Fähigkeiten. Immer mehr Institutionen werden auf diese Weise rein kompetenzbasierte Zeugnisse ausstellen. Kreditpunkte und Hochschulabschlüsse verlieren dann im Vergleich zu den tatsächlichen Fähigkeiten an Bedeutung. Am Ende steht das Bild eines Bewerbers, das in seiner Gesamtheit analog niemals darstellbar gewesen wäre.

Wenn Arbeitgeber Vertrauen in solche digitalen Kompetenzprofile fassen, werden Jobs und Jobsuchende künftig schneller und passender zusammenfinden. Plattformen wie LinkedIn arbeiten bereits an Big-Data-basierten Matching-Modellen. Für das perfekte Paar in der Arbeitswelt wird weniger ausschlaggebend sein, welches Diplom an welcher Hochschule erworben wurde, sondern welche Fähigkeiten ein Mensch mitbringt. Die Habitus-Elite, die auf den besten Hochschulen der Welt sozialisiert worden ist, wird wohl kaum verschwinden. Doch für alle anderen wird es mehr Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten geben.



Autor

Ralph Müller-Eiselt Senior Expert Projektleitung „Teilhabe in einer digitalisierten Welt“ Telefon: +49 5241 / 8 18 14 56 Profil

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