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Harvard für alle: Wie Zugang zu Wissen weltweit wirklich wird

Khadija Niazi hat ehrgeizige Ziele. Sie interessiert sich für Astrobiologie, Raumschiffe und künstliche Intelligenz, möchte gerne Physikerin werden. Khadija ist eine von 160 000 Teilnehmerinnen an Sebastian Thruns erstem Massive Open Online Course (MOOC) »Einführung in die künstliche Intelligenz« und gehört zu den 23 000 Personen, die alle Aufgaben erfolgreich absolvieren. Bald darauf besteht sie den Kurs »Grundlagen der Physik« an Thruns neuer Online-Universität Udacity – mit Auszeichnung. Dass Khadija, ein Mädchen aus Pakistan, zu diesem Zeitpunkt erst elf Jahre alt ist, spielt weder für die Zulassung noch für die Prüfung eine Rolle. Einzige Voraussetzung, um die Kurse besuchen zu können, ist ein Computer mit Internetzugang. Und den besitzt Khadija in Lahore. Mittlerweile hat die heute 14-Jährige über ein Dutzend Onlinekurse belegt. Ihr Fazit: »Ich glaube, prinzipiell kann jeder Schüler MOOCs machen. Aber [man muss] auch wirklich den Willen dazu haben.«

Die Geschichte Khadija Niazi zeigt die enormen Möglichkeiten des Internets, Bildung allen zugänglich zu machen – jederzeit, an jedem Ort und in der Regel kostenfrei oder zumindest verhältnismäßig günstig. Ob für ein elfjähriges Genie aus Pakistan, eine alleinerziehende Mutter im Wendland oder einen um die Welt reisenden Manager – es braucht nur einen Computer, schnelles Internet und viel Durchhaltevermögen. Vor allem für die bislang verhinderte Elite, all die klugen Köpfe, die es nicht nach Harvard, Stanford oder auch nur an die Fachhochschule Bielefeld geschafft haben, sind digitale Lernangebote eine große Chance. Wer sich bisher ein Studium nicht leisten konnte, dem verschaffen jetzt wenige Mausklicks Zutritt zum Wissen der Welt.

Das Angebot der neuen Internet-Hochschulen sind MOOCs. Diese offenen Onlinekurse bestehen aus Videos von Vorlesungen, ergänzt um Übungsaufgaben und Quizze, alles von den führenden Universitäten der Welt zur Verfügung gestellt. Lernen von den besten Professoren galt immer als Privileg weniger, nun gewähren die Onlinekurse Zugang für alle. Unabhängig von Portemonnaie, Herkunft, Alter und bisheriger Bildungskarriere: Jeder kann teilnehmen, egal ob er sich gerade auf dem Campus in Cambridge, im Vorort von Lahore oder auf einer Hallig mitten in der Nordsee befindet.

Alleine auf der größten Plattform Coursera haben sich schon mehr als 14 Millionen »Studenten« in gut tausend Kurse von über hundert Partnerhochschulen eingeschrieben; bei Udacity sind drei Millionen Nutzer registriert. Und selbst das noch junge Berliner MOOC-Portal iversity verzeichnet bereits 600 000 Anmeldungen. Zum Vergleich: In ganz Deutschland studieren an allen Hochschulen zusammen rund 2,7 Millionen Menschen.

Doch MOOCs sind nur der Anfang. Sie ändern noch nichts an der Qualität der Bildung selbst: Eine Vorlesung wird nicht dadurch besser, dass man sie abfilmt und ins Netz stellt. Solange der Onlinekurs selten mehr ist als ein digitaler Klon des analogen Formats über einen neuen Vertriebsweg, handelt es sich um »alten Wein in neuen Schläuchen«. Der theoretisch breitere Bildungszugang zahlt sich nur für die besonders Fähigen und Motivierten aus. Diese verhinderte Elite, die ihr Talent bislang aus rein finanziellen oder logistischen Gründen nicht entfalten konnte, kommt bereits durch diese erste Stufe der digitalen Bildungsrevolution zum Zug. Die Profiteure sind Hochbegabte aus gutem Hause wie das pakistanische Mädchen Khadija Niazi.

Für den großen Rest reicht es nicht aus, Wissen elektronisch zugänglich zu machen. Erfolgreiches Lernen erfordert für die meisten Menschen mehr. Zu unterschiedlich sind die persönlichen Voraussetzungen, Begabungen und Ambitionen, als dass das gleiche Angebot für alle auch bei allen zum gleichen Ergebnis führt. Nicht jeder, der lernen will, kann das auf dem Niveau von Spitzenuniversitäten wie Stanford oder Harvard tun. Solange wir es nicht schaffen, digitale Lerninhalte und Lernwege individuell an Lernstil, -tempo und -ziel anzupassen, wird die Demokratisierung der Bildung unvollendet bleiben.

Das belegen die heutigen Teilnehmer der MOOCs; die überwiegende Anzahl von ihnen hat das akademische System bereits kennen und schätzen gelernt. Der typische Onlinelerner in Europa und den USA ist weiß, gut situiert, gebildet und hat meist schon einen Hochschulabschluss. Bisher erreichen MOOCs dort nur selten neue, an Hochschulen noch unterrepräsentierte Gruppen. Um tatsächlich mehr Chancengerechtigkeit zu erreichen, ist ein weiter Weg zu gehen. Wissen digital zugänglich zu machen ist ein wichtiger, doch nur erster Schritt der Bildungsrevolution. Der nächste heißt Personalisierung.



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