Mehr Bildungsgerechtigkeit durch freie Bildungsmaterialien: Serlo statt Nachhilfe?

Serlo ist eine kostenlose, community-basierte Lernplattform, die Lernmaterialien für den Schulbereich unter offener Lizensierung bereitstellt. Seit dem Gründungjahr 2010 wird Serlo von der Gesellschaft für freie Bildung e.V. getragen und von einem fast vollständig ehrenamtlich arbeitenden Mitarbeiterstab betreut und weiterentwickelt. Nach dem Launch der zweiten Version der Plattform legt die Initiative 2014 ihren ersten Wirkungsbericht vor und kann auf beeindruckende Zahlen verweisen.

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Ausgangspunkt: Bildungsungleichheiten prägen das deutsche Schulsystem

Ausgangspunkt der Entwicklung von Serlo sind die gravierenden Bildungsungleichheiten, die zwischen Kindern aus verschiedenen sozialen Gruppen in Deutschland bestehen. Immer noch hängt die schulische Karriere vom sozialen Status ab. So kommen laut Destatis Datenreport 2013 nur 10% der Schüler an Gymnasien aus Elternhäusern mit Hauptschulabschluss. Der Bildungsbericht 2014 bestätigt diese Schieflage im Bildungssystem erneut, eine Besserung der Situation ist damit nicht in Sicht.

Parallel dazu hat sich in Deutschland ein riesiger Markt für Anbieter kommerzieller Nachhilfe etabliert. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt dabei, dass Eltern – je nach Berechnungsmodell – zwischen 942 Millionen und 1468 Millionen Euro pro Jahr ausgeben, um ihren Kindern schulischen Erfolg und damit bessere Zukunftschancen zu eröffnen.

Vision: Bildungsgerechtigkeit herstellen durch offene, digitale Bildungsangebote

Serlos Vision ist es, „freie Bildung, die von einer offenen und unabhängigen Gemeinschaft gestaltet wird“, zu ermöglichen. Aus Sicht der Initiative gehören dazu vor allem zwei Elemente: Erstens die Erstellung und Bereitstellung qualitativ hochwertiger, verständlicher Lernmaterialien, die interessierten Schülern und Lehrern kostenlos zur Verfügung stehen. Zweitens die Etablierung einer Kultur des Mitmachens: So werden alle Inhalte von einer aktiven Gemeinschaft ehrenamtlicher Redakteure aufgebaut und ausgebaut. Auch Nutzer können neue Inhalte hinzufügen sowie ältere Inhalte überarbeiten und dadurch die Qualität sichern.

Über beide Elemente hinweg macht sich Serlo die Potentiale der Digitalisierung zunutze: Die Online-Plattform, die auf der selbst entwickelten Software Athene2 beruht, stellt die einfache Verfügbarkeit der Lernmaterialien überall und jederzeit sicher. Serlo will hier ein Bildungswerkzeug mit hoher Usability bereitstellen, das „eine einfache Erstellung von Inhalten, deren interdisziplinäre Verknüpfung und selbstständiges Lernen“ erlaubt. Gleichzeitig ist die Plattform so aufgebaut, dass den Nutzern weitreichende Möglichkeiten zur Mitgestaltung der Materialien offen stehen. Grundlage dafür bietet die offene Lizensierung aller Inhalte von Serlo. So kann der Content durch eine aktive Community den Interessen und dem Nutzungsverhalten der Schüler angepasst werden. Individualisierte Lernmaterialien erhöhen dabei die Motivation zur Auseinandersetzung mit den Inhalten. Darüber hinaus stärkt die Erfahrung, an der Gestaltung von Content mitwirken zu können das demokratisch-partizipative Bewusstsein der Schüler. Durch die hohe Interaktivität von Serlo kann freie Bildung – als pädagogische Praxis sowie als politische Idee – näher an die Nutzer herangebracht werden – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu besserer Bildung für alle.

Serlo in Zahlen: 4000 Inhalte, 278.153 wiederkehrende Nutzer, 3,46 Millionen Seitenaufrufe

Insgesamt bietet Serlo gegenwärtig etwa 4000 Übungen, Erklärungen und Videos sowie ganze Kurse im Schulfach Mathematik an. Mathematik wurde als Ausgangspunkt gewählt, da hier im Bereich der Nachhilfe die größte Nachfrage besteht. Die vorhandenen Inhalte lassen sich nach Lehrplänen oder thematisch sortieren, so dass der Nutzer seinen eigenen Lernweg bestimmen kann. In Zukunft sollen weitere Fächer wie Biologie und Chemie das Portfolio von Serlo ergänzen. Nachdem 2014 eine zweite Version der Plattform gelauncht wurde, die neben einem verbesserten User Interface ein Multi-Autoren-System brachte, stehen für 2015 weitere ambitionierte Aufgaben an: Etwa die Erhöhung der Usability, die Entwicklung einer App und einer Offline-Version.

Dass die Weiterentwicklung von Serlo sinnvoll ist, belegen die beeindruckenden Nutzungszahlen des noch jungen Projekts. So konnte die Plattform im Jahr 2013 über 3,46 Millionen Seitenaufrufe von mehr als 1,03 Millionen Besuchern verbuchen. Von diesen waren 278.153 wiederkehrende Nutzer, welche die Angebote der Seite über einen längeren Zeitraum nutzen. Interessant: Über 80% der Nutzer griffen von PCs aus auf Serlo zu und 78% wurden über eine Suchmaschine auf das Angebot aufmerksam.

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Das Team von Serlo: 10.000 Arbeitsstunden, 50.000 Zeilen Code und „still going“

Noch herausragender als die Wirkung des Projekts ist das dahinter stehende Engagement der Mitarbeitenden – etwa im Jahr 2013: Auf Basis finanzieller Ressourcen von weniger als 30.000 Euro sowie eines ehrenamtlichen Einsatzes von unglaublichen 10.000 Arbeitsstunden wurden die Aufgaben der drei Arbeitsbereiche von Serlo – Redaktion, Softwareentwicklung und Organisation – gestemmt. Neben der fortgesetzten Entwicklung von Content bildeten dabei die Organisation von Workshops, das Fundraising sowie die Erstellung von Athen22 mit mehr als 50.000 Zeilen Code die größten Arbeitspakete.

Mit Blick auf das enorme Engagement des Teams hinter Serlo sowie den bereits jetzt schon außerordentlichen Erfolg des Angebots ist zu hoffen dass sich viele weitere Unterstützer der Plattform finden. So könnte Serlo nachhaltig zu mehr Bildungsgerechtigkeit über alle sozialen Gruppen hinweg beitragen. Wir freuen uns auf jeden Fall auf den nächsten Wirkungsbericht.



Autor

Monika Fischer Project Manager Digitalisierung in der Weiterbildung Telefon: +49 5241 / 8 18 13 93 Profil

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